
Mind the Gap – Der unsichtbare Mental Load
Diesmal kommt die Zahl des Monats von Kristina Hütter von CaringEconomy.Jetzt.
Die versteckten Ungleichheiten
Ob Pay Gap, Gender Gap oder Car Gap – all diese Lücken zeigen, dass es auch heute noch einen Unterschied macht, ob man als Frau oder Mann lebt. Ein Bereich, der oft übersehen wird, ist der sogenannte Mental Load – die unsichtbare geistige Belastung, die mit der Organisation und Koordination von Alltagsaufgaben einhergeht.
Frauen tragen mehr dieser unsichtbaren Last
Frauen leisten in Österreich täglich rund 4,5 Stunden unbezahlte Arbeit – etwa zwei Stunden mehr als Männer. Das bedeutet, dass Frauen nur für 40 % ihrer gesamten Arbeitsleistung bezahlt werden, während Männer für den Großteil ihrer Arbeit eine Entlohnung erhalten. Neben dieser sichtbaren Ungleichheit gibt es eine weitere Last, die oft übersehen wird: den Mental Load.
Was ist Mental Load?
Mental Load beschreibt die ständige Verantwortung für die Organisation und Planung des Alltags. Es geht nicht nur darum, Aufgaben zu erledigen, sondern darum, daran zu denken, dass sie überhaupt getan werden.
Typische Fragen, die damit verbunden sind:
- Wer plant das Abendessen mit Freund*innen?
- Wer denkt an Geburtstagsgeschenke für die Schwiegereltern?
- Wer macht Arzttermine für die Kinder aus?
- Wer sorgt dafür, dass der Kühlschrank am Wochenende gefüllt ist?
- Wer plant die nächste Urlaubsreise und denkt daran, rechtzeitig zu buchen?
- Wer schreibt Listen für den Wocheneinkauf und überprüft, was fehlt?
- Wer koordiniert den Alltag der Kinder, von Schulaktivitäten bis hin zu Freizeitgestaltung?
- Wer denkt an den Wechsel der Winter- und Sommerkleidung für die Kinder?
- Wer merkt sich die Impftermine und Gesundheitschecks der ganzen Familie?
- Wer sorgt dafür, dass die Kinder immer passende Kleidung für Schul- oder Kindergarten haben?
- Welche Anmeldungen für Ferienprogramme oder Schulaktivitäten stehen an?
- Haben wir noch genug Waschmittel und Klopapier?
- Ist noch genug Hundefutter da?
- Wer plant und vereinbart Treffen mit Verwandten und Freunden?
Oft sind es Frauen, die diese unsichtbare Verantwortung übernehmen – und das meist ohne Anerkennung.
„Defaulting to Others“ – Warum tragen Frauen oft die mentale Last?
In einem Interview von der Der Standard erklärt Sandra Teml-Wall den Begriff „Defaulting to Others“. Dieser heißt so viel wie das eine Person – oft unbewusst – die Hauptverantwortung für die Planung und die Organisation übernimmt, während die andere in eine passive Rolle zurücktritt. Das bedeutet:
- Eine Person denkt aktiv an alle anfallenden Aufgaben und trifft Entscheidungen.
- Die andere Person beteiligt sich erst, wenn sie explizit darum gebeten wird.
- Frauen werden unbewusst bzw. aufgrund vorherrschender Rollenbilder in diese Rolle gedrängt, während Männer oft davon ausgehen, dass „schon jemand daran denkt“.
„Das Problem, das für Männer scheinbar so schwer nachvollziehbar ist, ist die unsichtbare Belastung, die durch diese kontinuierliche 24/7-Verantwortung für organisatorische und emotionale Aufgaben in einer Familie entsteht.“
Sandra Teml-Wall, Expertin für partnerschaftliche Elternschaft, Autorin
Zahlen und Fakten: Wer trägt die mentale Last?
Eine Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung (Deutschland) aus dem Jahr 2023 mit rund 2200 erwerbstätigen oder arbeitsuchenden Personen zeigt deutlich, wie ungleich der Mental Load verteilt ist.
Schätzungen nach dem statistischen Modell der Wissenschaftlerinnen Dr. Yvonne Lott und Paula Bünger ergeben, dass 62% aller Frauen die notwendigen Alltagsaufgaben planen, organisieren und an sie denken. Bei den Männern liegt dieser Prozentsatz lediglich bei 20%.
Die Verteilung des Mental Loads hängt zudem von der Erwerbstätigkeit und der Familiensituation ab:
- Frauen in Teilzeit übernehmen diese Planungsarbeit noch häufiger als Vollzeitbeschäftigte.
- Besonders hoch ist die Belastung für Frauen mit Kindern: Erwerbstätige Mütter übernehmen mit einer Wahrscheinlichkeit von 74 Prozent den Großteil des Alltagsmanagements (Frauen ohne Kinder: 56 Prozent).
In Österreich zeigt eine Umfrage aus dem Jahr 2023 von Vorwerk Österreich und dem Meinungsforschungsinstitut TQS:
- Fast jede zweite Mutter (48 %) fühlt sich im Alltag stark belastet.
- 71 % der Väter sind mit der im Alltag zufrieden, aber 93 % der Frauen wünschen sich, dass sich die aktuelle Aufgabenverteilung ändert.
Ein Beispiel aus meinem Alltag (Kristina Hütter)
Wir sind eine Patchwork-Familie – mein Mann hat eine Tochter aus einer früheren Beziehung, und wir haben zwei gemeinsame Kinder. Unsere Organisation läuft gut – meistens jedenfalls. Doch manchmal fällt mir auf, wie unterschiedlich wir unsere Aufgaben wahrnehmen.
Ein Beispiel: Die Zahnarzttermine der Kinder. Ich habe sie seit zwei Wochen im Familienkalender eingetragen, die Route geplant und alles organisiert. Während ich also versuche, einem Kind die Jacke zuzuknöpfen, rattert mein Kopf auf Hochtouren. Was koche ich heute Abend? Welche Schuhe hat das Kind an? Habe ich das Geld für den Schul-Ausflug überwiesen? Und oh, der Hund muss auch noch raus!
Kurz bevor wir losfahren, frage ich meinen Mann nach der E-Card unserer ältesten Tochter. Er blickt mich überrascht an: „Moment… du gehst mit allen Kindern gleichzeitig zum Zahnarzt?“
Ja, das tue ich. Das war exakt so geplant – seit zwei Wochen.
Mein Mann war überrascht, dass das geht. Ich war überrascht, dass ihn das überrasch.
Er sucht also die E-Card, reicht sie mir – und in seinem Gesicht steht tiefe Zufriedenheit. Er hat seinen „Beitrag“ geleistet. Während ich mit drei Kindern zur Praxis gehe und mir noch innerlich denke: „Hoffentlich hat unser sensibler Hund nichts von diesem Stress mitbekommen“, fällt mir ein – Mein Mann vergisst Zahnarzttermine oder dass ein Sammeltermin für drei Kinder möglich ist. Er würde jedoch nie vergessen, Nudeln zu kaufen.
Somit konnte ich die Frage „Was sollen wir heute Abend kochen?“ endlich aus meinem Kopf streichen.
Ein weiteres herausragendes Beispiel von Sarah Cissell, das den Mental Load anschaulich darstellt, ist ein Comic „You Should’ve Asked“ by Emma. >>
Was können wir tun?
Mental Load ist eine reale, aber oft übersehene Herausforderung. Solange Frauen die Hauptverantwortung für das Denken und Organisieren der essenziellen Care-Arbeit übernehmen, bleibt eine gleichberechtigte Verteilung der Familienarbeit unerreichbar.
Was können tun?
- Bewusstsein schaffen: Wer übernimmt welche Aufgaben?
- Verantwortung teilen: Nicht „mithelfen“, sondern aktiv Verantwortung übernehmen.
- Gespräche führen: Wie kann eine gerechtere Aufteilung gelingen?
Was kann hier unterstützen?
Der Bundesverband EQUAL CARE hat einen Mental Load-Test herausgegeben. Dieser Test hilft, die eigene Care-Arbeit sichtbar zu machen – für kinderlose Paare, Familien oder Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen.
Macht den Mental Load Test und findet heraus, wie eure Aufgaben verteilt sind:
Der Mental Load-Test@home wurde von Jo Lücke erdacht und im Equal Care-Team von klische*esc e.V. weiterentwickelt.
Hier zum Test >>
…und als Erinnerung: Care-Arbeit ist nicht nur essentiell für uns alle. Sie macht auch klüger und kompetenter. >>
„Ich freue mich schon sehr auf die Zeit, in der Unternehmen nicht mehr Realitäten wie „Kinder als Karriereknick“ erzeugen, sondern Teilzeitjobs und Kinderkarenz für Männer und Frauen als Karrierebooster fördern. Das wird so viel besser. Nicht nur für das Familienleben, sondern auch für die Unternehmen.“ Elisabeth Sechser
